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Die Weihnachtsmonster, oder auch: Die Revolution der Neo-Kinder PDF
Geschrieben von MF   
Es ist soweit, die Weihnachtshysterie tritt in ihre heiße Phase ein. Drei Tage vor dem Fest der Liebe stürmen Menschenscharen die Konsumtempel und kaufen in ihrer Verzweiflung alles was ihnen in die Finger kommt und halbwegs verschenkbar aussieht, sprich: Plunder den niemand braucht. Warum wird dieser wahnsinnige Teufelskreis nicht endlich einmal durchbrochen von einer mutigen und alternativen Elternfront, die ihren Kindern nicht mehr eintrichtert, dass sie sich über Geschenke maßlos zu freuen haben, auch wenn dem nicht so ist und sie beim Anblick von Ommas quietschgrünem Strickpulli kotzen könnten!
 

Auf ein Neues werden Heuchler kreiert, die sich später mit ebensolchen Geschenken an einer neuen Generation rächen werden. Zu gern würde ich die neuen, anderen Kinderkreationen erleben wollen, die offen und ehrlich sagen was sie von den Geschenken und den Schenkern halten. Wie könnte so eine neuartige Situation ablaufen? Nehmen wir dafür einfach mal den klassischen Generationenkonflikt: Omma und Enkel, die Eltern mittendrin:

Omma: So, und nun ist Stan an der Reihe mit auspacken. (Alle Augen sind freudig auf Stan gerichtet, während er zum reich geschmückten Weihnachtsbaum rüber geht und sein Geschenk in die Hand nimmt...)

Mist, denkt Stan (das Neo-Gör), es fühlt sich weich an, also kein Armeehubschrauber. Missmutig reißt er das Papier auf. Was er da in Händen hält kann er kaum verkraften, vor allem seine Augen leiden unter den Strahlen dieses quietschgrünen Wollpullovers. Stan's Tante (kein Teil der revolutionären Elternbewegung), sieht Stan's wütendes Gesicht, hechtet von ihrem Stuhl zu ihm, legt ihm etwas überambitioniert den Arm um die Schultern, zieht ihn zu sich und sagt stellvertretend für ihn in die Runde: „Ach was! Ist das nicht ein toller Pullover den Oma dir da gestrickt hat?! Zieh ihn doch mal an!“ (Alle freuen sich, unbändiges und künstliches Lachen liegen dicht beieinander.)

Ab hier tritt die Wendung ein. Ein normales Kind würde, seiner Erziehung und artgerechten Haltung entsprechend, seinen Ärger hinunter schlucken, innerlich zähneknirschend den Pullover anziehen und sich bei Omma bedanken für diesen potthässlichen Fummel. Doch nicht unser Stan! Stan steht auf, in seiner geballten Faust hält er den quietschgrünen Pullover, geht auf Omma zu und wirft ihr das Geschmeide entgegen. „Omma, ich bin enttäuscht. Ist das ein böser Scherz? Was habe ich dir getan das du mich so bestrafen willst? Ich hasse grün und ich habe Neurodermitis, weißt du wie sehr Wolle mich kratzt? Ja, das weißt du. Wie kannst du mir so etwas antun?“ Es herrscht bestürzte Stille, bis die revolutionären Eltern sich als erste aus ihrer Starre befreien und Beifall klatschen. Die revolutionäre Mutter steht auf, nimmt Stan in den Arm und lobt ihn für seine Ehrlichkeit und seine mit Bedacht gewählten Worte. Sie dreht sich um und sagt in die Runde: „Es ist völlig in Ordnung, wenn einem ein Geschenk nicht gefällt und auch ich frage mich, was es mit der Bedeutung dieses Geschenkes auf sich hat, gerade in Anbetracht von Stan's Neurodermitis.“

Und nun passierte etwas, das auch ich nicht vorher gesehen habe. Omma zeigte ihre böse Weihnachtsfratze, wurde blutrot im Gesicht und schrie: Jaaaa Stan, der Pullover ist der optische Ausdruck meiner Abneigung gegen dich! Ich wollte immer schon eine EnkelIN! Eine EnkelIN ohne Neurodermitis, mit der ich Kleider einkaufen kann, auf den Pony Hof fahren und sie schminken kann! Aber du, du bist nur...argh, du bist so...blöd...alle Männer sind blöde, triebgesteuerte Idioten, die gerne Krieg spielen und alles vögeln was bei drei nicht auf den Bäumen ist...

Ab hier muss ich leider abbrechen und in humaner Weise erzählen, wie dieses Weihnachtsfest zu Ende gegangen ist. Stan's revolutionäre Mutter stand auf und schob Omma, die immer noch in Rage auf die Männerwelt fluchte, aus dem Raum. Ihr revolutionärer Mann folgte ihr schockiert, denn das war seine Mutter, die Frau, die auch ihm immer quietschgrüne Wollpullover geschenkt hatte... Er sah es irgendwann als amüsante Familienweihnachtstradition an und musste nun feststellen, das seine eigene Mutter nichts weiter als eine militante Männerhasserin war. Er wurde in der Folge in eine furchtbare Identitätskrise gestürzt. Doch erstmal ging es im Badezimmer weiter, als nämlich die Schwiegertochter ihre Schwiegermutter unter die eiskalte Dusche stellte, nachdem sie ihr links und rechts, ganz in alter Jesus Tradition, eine geknallt hatte. Dummerweise bekam Omma eine Herzattacke, weil sich das Eiswasser natürlich nicht mit ihren 180 Grad Körpertemperatur vertrug. Der Notarzt musste kommen und der Rest der Familie beschimpfte sie unter dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer als Omma-Mörderin (Anm.: Omma überlebte und flucht nun in einer Geschlossenen weiter auf die Männerwelt). Der kleine Stan stand unter dem Baum und fragte immer wieder, was denn mit dem „vögeln“ gemeint war. Er sei gar nicht so blöd wie die Männer auf die Omma geflucht hat, denn er hätte sich noch nie gedacht, er sei ein Vogel und wäre dann von einem hohen Baum gesprungen! Doch niemand hörte ihm zu und niemand antwortete ihm auf seine dringende Frage. Leider war der kleine Stan so verstört über diesen Weihnachtsabend, das er fortan nie wieder Weihnachten feiern wollte. Er wurde zum militanten (das scheint vererbt zu sein) Weihnachtshasser, der tagsüber in Häuser einbrach und Hausfrauen grün und blau schlug, die sich erdreisteten die Weihnachtsgans in den Ofen zu schieben. Daraufhin zertrümmerte er den ganzen Weihnachtskitsch und hackte im Garten die Weihnachtsbäume um. In seiner Wohnung schloss er sich dann in seinem Zimmer ein und spielte Counterstrike um sich abzureagieren. Das Spiel hatte er natürlich wie es sich gehört modifiziert und knallte nun mit blutiger Vorliebe flüchtende Weihnachtsmänner mit seiner Bazzooka ab. Wie wir jetzt ganz richtig wissen, war nicht dieses Computerspiel für all seine Taten (wer kann es ihm verdenken) verantwortlich, sondern ein tiefes Trauma, das zu einer Persönlichkeitsspaltung führte. Und so verwundert es nicht, dass er des Nachts loszog um weiteres „Unheil“ in der Weihnachtszeit anzurichten. Leider muss ich berichten, dass er mit Vollendung des 18. Lebensjahres zum Weihnachtsmarkt-Amokläufer mutierte und eine Blutspur durch Deutschland zog.

Bitte lassen Sie sich durch dieses Beispiel nicht abschrecken, ihren Unmut über Weihnachtsgeschenke zu äußern. Manchmal tut die Wahrheit weh (den anderen), doch es muss sein. Schließen Sie sich der revolutionären Elternbewegung an und gehen Sie mit einem ruhigen Gewissen schlafen! Frohe Weihnachten!

Foto+Text: MF, Dezember 2007

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