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Der Europäische Monat der Fotographie, Martin-Gropius Bau an einem Sonntag im November, „Mutation I“ und Klubfoto-Ausstellung „Berühmt“. Garderobe abgegeben, gut abgepasst, die Schlange war klein, die Sonntags-Bruncher waren alle noch beim Essen. Alles gut, wäre da nicht die Garderobenfrau gewesen, die an diesem regnerischen Sonntag eine Top Laune hatte! „Nich doch den Schirm auf den Tisch legen!“ brüllt sie mich an, „den gibt man in die Hand!“
Hinter mir flüsterte eine Frau amüsiert „das ist ein Kardinalsfehler!“ Ich grinste und dachte, die Frau ist ja auch nicht zu beneiden, an einem Sonntag arbeitet niemand gern. Wahrscheinlich sitzen ihre Enkel zu Haus und warten auf die Märchenoma. Ich will da nicht so sein und sehe ihr die schlechte Laune nach. Allerdings ging es weiter, und damit habe ich nun nicht gerechnet. Sie schien mich auserkoren zu haben ihre angestaute Wut an mir auszulassen. Wer weiß wieviele Regenschirme an diesem Tage schon nass auf ihrem Pult landeten und wer weiß wie oft sie diesen „Kardinalsfehler“ unkommentiert ließ. „Die Kamera können sie gleich wieder einpacken!“ raunzte sie los, „fotografieren is hier verboten!“ Damit schnappte sie sich meinen Rucksack und zischte ab. Ich rief ihr mit meinem zarten Stimmchen hinterher „ich will nicht fotografieren, ich will meine Wertsachen am Körper tragen...Du blöde Kuh!“ Denn das Verrückte an dieser Garderoben-Sache ist ja bekanntlich immer, dass KEINE Haftung übernommen wird. Entweder man geht das Risiko ein wenn man eine Ausstellung besuchen möchte, oder man geht wieder und kann den Kultur-Tag damit auch vergessen. Autofahrer sind da noch am besten dran, sie zahlen zwar Parkgebühren wenn sie Pech mit dem Parkplatz haben, aber sie können dafür alle Jacken und Wertsachen in ihr Auto sperren. Es wäre natürlich noch größeres Pech wenn ihnen das Auto geklaut werden würde doch das ist niemandem zu wünschen. Vielleicht gibt es auch Menschen, die ihre Wohnung gleich in der Nähe haben und einfach ohne alles losgehen. Das Eintrittsgeld in der Hosentasche und sich, zumindest im Winter, warme Gedanken machend, weil man die teure Jacke auch gleich zu Hause gelassen hat. Doch auch hier bleibt in der Tat ein Rest-Risiko. Wohnungsbrand, Gasexplosion, alles kann passieren und vorbei ist es mit der Idylle, dem neuen Plasma-Fernseher und dem Gefühl der Sicherheit. Wo sind wir denn überhaupt sicher? Wo ist unser Hab und Gut sicher? Doch nur, wenn wir es uns vorsichtig wie einen Sprengstoffgürtel an den Körper schnallen. Ansonsten bleibt einzig das Vertrauen auf ein wenig Glück. Da stand ich nun, ohne Kamera, und bedauerte gleichzeitig die Touristen, die weder ein Auto noch eine Wohnung für ihre Wertsachen hatten und zwangsläufig den netten Garderobendienst in Anspruch nehmen mussten. Es gäbe auch die Möglichkeit den Tourguide extra zu bezahlen und als lebenden Kleiderständer zu benutzen. Gar keine schlechte Alternative. Ich ging die unzähligen Treppen hinauf zur Foto-Ausstellung und fragte mich, wer auf die geschmacklose Idee gekommen ist, in dieses historisch-schöne Gebäude an die weißen Wände große blaue Dreiecke zu malen. Die zwei Ausstellungen waren nur bedingt interessant. Zu viel Künstliches in der Fotokunst, zu viele Inszenierungen. Wo bleibt die Authentizität, wo bleibt das dokumentierte Schreckgespenst Leben? Zurück von meiner Besichtigungstour und eine lange Menschenschlange später, die Sonntags-Bruncher hatten fertig gebruncht, schien die Märchenoma bessere Laune zu haben. Ich hatte ihr unfreiwillig geholfen sich zu „entladen“ und so nahm sie einen blauen Regenschirm zum Anlass zu trällern „Blau ist doch keine Farbe! Blau ist ein Zustand!“ Ich sah sie schon beschwingt lächelnd über eine sattgrüne Wiese schweben. „Noch nicht,“ bekräftigte die sichtlich genervte Besitzerin, während die Märchenoma ihr den Schirm überreichte. Meine Marke nahm sie nicht mehr entgegen, sie hatte Pause. Womöglich auch ein Grund für ihre entzückende Laune. „20 Minuten“, tönte der Chef, „20 Minuten“ wiederholte er noch mal damit sie es nicht vergaß. Wie ein Gefängniswärter stand er hinter ihr und erwartete sie zum Freigang. Sie nuschelte, sie müsse erstmal ihre Tabletten nehmen, schnappte sich außerdem mit ihrer groben Hand ihre eleganten „Eve“-Zigaretten und wurde in ihre wohlverdiente Pause entlassen. Von wegen Raucherpause, die Frau muss Tabletten nehmen! Da muss man als Chef schon mal 20 Minuten frei geben. Ihre schlechte Laune bei unserer ersten Begegnung könnte sich schlicht und ergreifend auch aus ihrem Nikotin-Mangel und ihre soeben an den Tag gelegte positive Stimmung aus der baldigst zu erwartenden Drogenzufuhr ergeben haben. Arme Frau, und dann auch noch Tabletten, wirklich nicht zu beneiden. Ob sie dann wirklich noch die Märchenoma ist, die ihren Enkeln lieber vorlesen möchte als sonntags nasse Jacken und Regenschirme entgegen zu nehmen, oder ob sie nicht einfach einen ebenso schnodderigen und rauchenden Mann zu Hause hat, der vor dem Fernseher sitzt und sich an den jungen Mädels in den Casting Shows aufgeilt? Während ich sinnierte und ihre Vertretung flink meine Sachen zusammensuchte, begegnete mir plötzlich ein pink-getupfter Regenschirm. „Ist das ihrer?“ Erschrocken gab ich ein „Nein!“ zurück und durfte mir nun an der Garderobe selbst einen aussuchen. Hmm, welchen hätte ich denn gern? Die dritte Marke mit der Nummer 69 für meinen Regenschirm war demnach überflüssig. Ausgestattet und nicht beraubt bahnte ich mir meinen Weg durch die Massen an heranströmenden Besuchern nach draußen. Ich habe hinter mir, was sie noch vor sich haben. Text+Foto: MF, 2006 |