„...alle Geschichten, die ich erfand, waren nur Variationen meiner Art zu verschwinden.“
In Rostock fliegen Steine und in Berlin stirbt Wolfgang Hilbig. Auf leisen Sohlen ist er verschwunden, unbemerkt durch die Hintertür getreten am Samstag den 2. Juni 2007. Ein Trauertag im Großen wie im Kleinen. Der unscheinbare Mann mit der wirren weißen Haarmähne, der in dieser neuen Welt so deplaziert wirkte wie ein Obdachloser im Hilton, hat selbst nie viel Aufsehen erregt und am Tage seines Todes auch nicht bekommen, weil die Medien all ihre Sendezeit dem G8 Gipfel und den Steinewerfern in Rostock widmeten.

Aufsehen erregt hat Hilbig hingegen mit seinen atemlosen Erzählungen, die in den Kreisen der Literaturbegeisterten, Schriftsteller und Fachkollegen über alle Maßen gelobt wurden und das nicht als Verkaufsstrategie sondern zu Recht und aus tiefstem Herzen, aus dem Gefühl des überwältigt seins heraus nach dem Lesen seiner Bücher, die mit so vielen Literaturpreisen bedacht worden sind. Hilbigs Erzählungen bestehen aus einer wetterfesten Dichte, die man durchdringen muss wie den Dschungel mit einer Machete, immer weiter und weiter getrieben, den Schweiß auf der Stirn ohne lange Rast, denn der Dschungel wartet nicht dich zu verschlingen. Die Wortgewalt und Wortgewandtheit scheint grenzenlos, setzt sich hinweg über Wortsucher, die bei Hilbig fündig werden und trägt zu neuen Ebenen, die vorher undenkbar schienen. Seine bildreiche Sprache ist präzise, setzt schonungslos und radikal in Szene, entblößt das Unsichtbare, deckt das Nichtgesagte auf, prangert an und lässt die Welt für einen Augenblick nackt und frierend ohne Mantel dastehen.
„...der Begriff Heimat, den man betrat wie einen Bahnsteig: man hatte das Gefühl, nichts Ungutes damit verbinden zu dürfen.“
Tatsächlich wuchs Wolfgang Hilbig in einer der trostlosesten Gegenden der DDR auf, in Meuselwitz in Sachsen, einem Abbaugebiet für Braunkohle. 1941 wurde er geboren und lebte bei seinem Großvater, der Bergarbeiter war. Die Wurzeln seiner Kindheit verzweigten sich in seinen Erzählungen und lebten in ihnen unweigerlich fort. Nach acht Jahren Schule war er Arbeiter im Arbeiter und Bauern Staat und konnte die Geißel erst abschneiden, nachdem er in die BRD ausreiste und als freier Schriftsteller lebte. Er wurde zu einem Wanderer zwischen zwei Welten und fühlte sich doch in keiner heimisch. Der Ausnahmeschriftsteller ist im Alter von 65 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. Was bleibt ist der Wind, der Wolfgang Hilbigs Worte immerfort gegen das Vergessen flüstert.
...Und da steht eine Bank am Ufer des weißen Flusses für Rastlose, die rasten wollen, und der Fluss, er trägt dich fort, irgendwo hin wo du irgendwann ankommst...
Text+Foto: MF, 2007 Zitate aus: W. Hilbig: Alte Abdeckerei. Erzählungen. Fischer Verlag |