Home arrow Bild und Ton arrow Stadtgeschichten arrow Bahngeschichte II
 
Bahngeschichte II PDF
Geschrieben von MF   
Der Tag an dem...etwas auf der Stirn geschrieben steht!

„Alexander, jetzt hör aber auf! Wirklich, ich kann da nichts für!“ Uschi und Alexander stritten lauthals in der U-Bahn. Wobei, eigentlich stritt nur Uschi. Alexander, groß wie ein Bär und mit kleinem Täschchen auf dem Schoß, saß stumm neben ihr und nickte ihren Wortschwall ab in der Hoffnung sie würde so bald Ruhe geben. Doch das tat sie nicht. Sie legte erst richtig los und Alexander kochte innerlich, das war offensichtlich.
 
 

Ich durfte Zeuge dieses Schauspiels sein, hielt die Zeitung nur pro forma und hörte zu. So vertieft und amüsiert über die Tatsache, dass Probleme in der Öffentlichkeit ausgetragen werden – dort wo sie hingehören – das mich erst eine alte Frau rausreißen konnte: „Darf ICH hier in das Eckchen? Danke.“ Das Dankeschön schon im Voraus mitgeschickt, so sicher war sie sich ihrem Sieg. Was, wenn ich nicht aufgestanden wäre? Hätte sie mir eine Szene gemacht und den Dank zurück genommen? Alte Frauen haben immer Recht und ich wäre die Böse gewesen. Meines Szenarios mit Uschi und Alexander beraubt, stand ich brav aber bestimmt auf und zischte im Weggehen: „Jetzt auch noch Extra-Wünsche!“ Als gäbe es keine anderen freien Plätze hier, dachte ich bei mir. Steht auf meiner Stirn: „Ich wärme ihnen den Platz vor“?! Mein neuer Job, Platzanwärmer für alte Leute, so habe ich mir meine Ich-AG vorgestellt! Die Idee wäre ausbaufähig, doch so verzweifelt bin ich noch nicht.
Ich habe allerdings auch immer das Glück auf Veranstaltungen „der Gang“ zu sein. Egal wo ich mich postiere, alle drängen sich an mir vorbei. Jetzt frag mich einer woran das liegt?! Als hätte die Menschenkette immer bei mir eine Schwachstelle, ein Loch. Aber zurück zur U-Bahn. Ich stand an der Tür und wurde beinahe von einer jungen Frau und ihrem Bügelbrett erschlagen. Sie hatte in der linken Hand das Brett und in der rechten Hand eine Tüte mit Moonboots und vielen Klamotten. Eine große Ikea-Tasche hing über ihrer Schulter, ebenfalls mit Kleidung und sie war sichtlich überfordert mit all den Sachen. Es sah aus als wäre das ein Umzug Stufe 1. Die moderne Frau von heute trägt ihre Einrichtung selbst. Mein erschrockenes Gesicht und reflexartiges „an die Wand pressen“, nachdem ihr Bügelbrett mich nur knapp verfehlt hatte wurde von den Fahrgästen registriert, nicht jedoch von ihr. Zu beschäftigt war sie alles bei sich zu behalten, zurechtzurücken und festzuhalten, dass sie bei ihren Drehungen auch nicht merkte, dass sie den ganzen Türraum einnahm. Ich stieg aus und mit mir der torpedierte Alexander, ohne Uschi. Er atmete erleichtert auf. An ihm schob sich auf der Rolltreppe niemand vorbei. Zu groß, zu breit, zu kräftig. Ich fragte ihn, ob er mich auf dem nächsten Konzert nicht begleiten wolle, um die Kette zu schließen. Er starrte mich an, schüttelte ungläubig den Kopf und ging. Wahrscheinlich fragt auch er sich, was auf SEINER Stirn geschrieben stehen muss...
 
 
Text+Foto: MF 
< Zurück   Weiter >

Links