Home arrow Bild und Ton arrow Stadtgeschichten arrow Rostock im Ausnahmezustand
 
Rostock im Ausnahmezustand PDF
Geschrieben von MF   

Anti-G8 Demo - 2. Juni 2007 

Eine Stimme von 50.000

Rostock im Ausnahmezustand und das schon seit Wochen. Polizeikolonnen fahren immerzu durch die Stadt, rasen über die Autobahn und gehen in voller Montur bei Kaufland einkaufen. Rostock leuchtet grün...und blau...denn die Umstellung der Polizeifarben von grün auf blau geht nicht überall so schnell von statten. Kurz vor der Anti-G8 Demo am 2. Juni werden in der Innenstadt vorsorglich die Geschäfte und Restaurants vernagelt wie es sich für eine Weltoffene Stadt in Mecklenburg gehört. Doch McDonalds hält sich an diesem kalten und regnerischen Tage wacker, der von den Globalisierungskritikern verhasste Großkonzern serviert weiter fette Burger und heißen Kaffee.


Nicht nur vernagelte Geschäftsfenster prägen das Stadtbild, auch die von der Polizei getroffenen Vorkehrungen, bestimmte Wege durch Bauzäune abzusperren, so dass Anwohner unter Umständen nicht mal mehr mit ihrem Hund richtig Gassi gehen können, oder Bänke und Mülleimer die entlang der Demonstrationsstrecke demontiert wurden, empfand ich als übertrieben. Die Demonstration selbst führte in zwei Zügen zum Stadthafen. Am Schutower Kreuz starteten sie um eins und um halb zwei setzte sich der zweite Zug vom Rostocker Hauptbahnhof ebenfalls in Bewegung, diesen begleitete ich. Über die Teilnehmerzahl gab es von Veranstaltern und Polizei unterschiedliche Aussagen und so einigte man sich auf die goldene Mitte, auf 50.000. Die Demo verlief friedlich und überaus ruhig und an manchen Stellen fragte ich mich, ob hier gewandert oder demonstriert wird. Keine Trillerpfeifen-Konzerte oder Spruch-Chöre. Ab und zu kamen Trommler vorbei, ab und zu piepste eine Trillerpfeife auf. Ein bunter „Familienausflug“ mit vielen Transparenten, gebastelten Figuren, Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, Familien mit Kindern, die Generation 60+ und diverse Organisationen demonstrierten miteinander. Dann allerdings wurde es schwarz. Viele, bis zur Unkenntlichkeit vermummte Autonome bildeten den Schwarzen Block, der wie ein Fremdkörper in dieser bunten Demonstration mit schwamm und in mir ein ungutes Gefühl hervorrief. Die Blicke, die mich während des Foto Machens aus diesem Block trafen, waren sie nicht hinter schwarzen Sonnenbrillen verborgen, waren Feindselig. Es war tatsächlich die Ruhe vor dem Sturm und ich wusste, dass diese friedliche Demo nicht friedlich bleiben wird. Leider. Die Autonomen waren einzig dort mit dem Ziel Krawall zu machen.
 


Die Polizeipräsenz war außerordentlich groß und ich empfand sie als überdimensioniert und störend, doch anders als erwartet hielten sich die Polizeieinheiten während der Demo besonnen im Hintergrund. Nur zwei Polizeihubschrauber überflogen die Szenerie ununterbrochen. Bei den sich im Einsatz befindlichen Polizisten gibt es unterschiedliche Zahlen und man spricht von 10.000 bis 13.000. Gegen 15 Uhr erreichten die Demonstrationszüge langsam aber sicher, und immer noch friedlich, den Stadthafen, wo verschiedene Stände und die große Bühne für die Abschlusskundgebung und das anschließende Konzert aufgebaut waren. Doch nun kippte die Stimmung und der Schwarze Block wurde aktiv. Steine flogen auf die scheinbar völlig überraschten Polizisten und deren Fahrzeuge, aber auch auf Autos von unbeteiligten Rostocker Einwohnern. Die Polizisten rannten immer wieder in die Menge und versuchten die steinewerfenden Autonomen herauszuziehen und die TAZ berichtet, dass Mitglieder von Attac in die Straßenschlacht hineinliefen, den verdutzten Steinewerfern ihre Munition abnahmen und auf sie einredeten. Die Lage beruhigte sich, immer mehr Demonstranten fanden sich auf dem Gelände des Stadthafens ein und warteten von Musik begleitet auf die Kundgebung. Ich setzte mich ab von der Menge und besorgte mir einen Kaffee und was zu essen, denn hungrig lässt es sich nicht gut beobachten und fotografieren. Genau in dieser kurzen Zeit ist die Lage wieder eskaliert und es kam zu den Bildern, die in diesen Tagen in den Nachrichten zu sehen sind. Angeblich soll die Polizei durch immer Neues hineinrennen in die Menge die Stimmung wieder provoziert haben. Wieder andere berichteten, dass die Autonomen erneut anfingen Steine zu schmeißen. Während viele der Musik der Band "Juli" zuhörten, feierten und davon zum Teil gar nichts mitbekamen, eskalierte schließlich gegen 17 Uhr die Lage am Rande der Demo völlig. Die Polizisten wurden massiv mit Steinen angegriffen, die die Autonomen vorher aus den Gehwegen herausgepult hatten, aber auch gegen Demonstranten richtete sich die Gewalt, Mülltonnen wurden angezündet und die Scheiben einer Sparkassenfiliale eingeschmissen. Die Menge barst auseinander und rannte weg vor dem nun eingesetzten Tränengas und den Wasserwerfern, ich rannte mit und fand mich außerhalb des brodelnden Kessels wieder. Gas und Wasserwerfer zielten wahllos in die Menge und trafen so auch friedliche Demonstranten. Über zehn gepanzerte Fahrzeuge der Polizei und weitere vier Wasserwerfer fuhren als Drohkulisse auf den Stadthafen zu, kamen aber nicht zum Einsatz und zogen sich nach einer halben Stunde wieder zurück. Eine Polizeikette riegelte die Veranstaltung einseitig ab und ich musste mir einen anderen Weg suchen, wieder näher an die Kundgebung heranzukommen. Um mich herum liefen vereinzelt grimmige Autonome, die ihre nächsten Angriffe per Handy koordinierten und es „noch mal versuchen wollten.“ Aber auch Demonstranten kamen mir entgegen, die wütend über die Eskalationen waren und vermuteten, dass die Medien sich wieder nur auf die Krawalle stürzen würden, ohne davon zu berichten, dass 50.000 Menschen friedlich demonstriert hatten. Ich rannte dann noch mal, als mir Autonome mit Steinen bewaffnet entgegen gerannt kamen. Auf meinem Weg durch die Stadt sah ich in den Straßen rund um den Stadthafen Spuren der Verwüstung, eingeschlagene Auto- und Fensterscheiben, verkohlte Mülltonnen und ein Meer von Steinen auf den Straßen.
 

 
Die Stimmung war auch um 18/19 Uhr angespannt und noch nicht ausgestanden. Am Rand der Demo bildeten viele Autonome eine Menschenkette nur um die Polizei zu provozieren. Diese rannte immer wieder in die Menge, zog einzelne Krawallmacher heraus und führte sie ab. Andere Demonstranten gingen nach Hause und der Platz leerte sich zusehends, die Verbliebenen feierten zu SkaRapReggae Musik. Gegen 20 Uhr war dann nicht mehr viel los und das Rockkonzert stand im Vordergrund. Die Band "Wir sind Helden" spielte mit zwei Stunden Verspätung und bildete den Abschluss dieser Anti-G8 Demo mit ihren zwei Gesichtern, der Friedfertigkeit und der Gewalt. Die Bilanz dieses Tages, wenn wir den Meldungen Glauben schenken wollen: Über 400 verletzte Polizisten und über 500 verletzte Demonstranten.
Die Anti-G8 Demonstration, die viele unterschiedliche Organisationen vereinte, begann viel versprechend, bunt und friedlich und entsprach so gar nicht dem Bild, dass W. Schäuble&Co. in diesen Tagen so gerne zeichnen von latent gewaltbereiten Demonstranten, die alle unter Generalverdacht gestellt werden, nichts anderes als Attentate und Zerstörung im Kopf zu haben. Als würden Mütter statt ihrer Kinder Handgranaten im Kinderwagen mit sich führen, als wäre die Deutsche Nation plötzlich eine Nation der Terroristen. Die grundlos und massiv durchgeführten Razzien vor einigen Wochen, die Besetzung eines Postamtes in Hamburg und die Öffnung von Briefen angeblich gefährlicher Linksextremer, das nehmen von Geruchsproben und die 5 Kilometer lange Sperrzone um den Zaun in Heiligendamm führte erst zu Provokation und Unmut unter den Globalisierungskritikern. Der vom Schicksal geschädigte W. Schäuble ergeht sich in seiner Paranoia einen Überwachungsstaat zu kreieren, die Grundrechte auszuhöhlen und niemand hält ihn auf. Die Krawalle der circa 2000 Autonomen in Rostock bestätigen W. Schäuble und seine Mannen in ihren Sicherheitsplänen ohne zu berücksichtigen, dass eine weit größere Mehrheit von 50.000 Menschen an diesem Tage in Rostock friedlich demonstrierte.  


Text+Fotos: MF, 2. Juni 2007

< Zurück   Weiter >