Ein schöner Tag im August
Der Tag begann viel versprechend. Die Sonne schien, ich fand im Schrank noch eine Hose in die ich meinen fetten Arsch quetschen konnte ohne nach Luft zu ringen und verpasste einmal nicht die Bahn. Drei Tassen Milchkaffee und ebenso viele Termine später sollte mich die Sonne verlassen und zu einer Faust werden die zu sagen schien: „In die Fresse.“ Ungläubig und auf perfide Art belustigt durfte ich diesem Desaster beiwohnen.
Es ist immer schön nach Hause zu kommen und in den Briefkasten zu schauen. Dabei packt mich dieselbe Neugier wie beim Öffnen von Überraschungseiern. Groß ist die Enttäuschung wenn sich keine Figur darin befindet, sondern ein blödes Spielzeug, dass sogleich in den Mülleimer wandert (es sei denn es handelt sich um irgendeine Kreatur, die mich mit ihren großen aufgeklebten Augen flehend ansieht). Und groß ist das Entsetzen, wenn mich keine bunten Postkarten im Briefkasten anleuchten, sondern eine gepfefferte Anwaltsrechnung, die mich in den Ruin führen wird. Ergebnislose Telefonate mit meiner Rechtschutzversicherung und Tobsuchtsanfälle später dachte ich mir, wenn ich schon so in Fahrt bin, kann ich auch gleich noch den Schneider zur Sau machen, der meine Hose gekürzt hat und scheinbar der Meinung war, dass 3 cm Unterschied zwischen den Hosenbeinen „cool“ seien. Als ich vor die Tür trat parkte gerade jemand sein Lancia-Schiff in eine viel zu enge Lücke ein und fuhr dabei ganz selbstverständlich gegen mein Auto. Ich klopfte gegen seine Beifahrerscheibe und rief: „Hey, sie fahren gerade gegen mein Auto, das kann ja wohl nicht wahr sein, haben Sie keine Augen im Kopf?!“ Er ließ sich Zeit mit dem Einparken, stieg dann aus und blökte mich an: „Sie haben wohl noch nie etwas von Stoßstangen gehört, was?“ Zugegeben, das habe ich in der Fahrschule nie gelernt, andere Autos selbstverständlich schrotten zu dürfen und bot ihm an, dass auch mit der Polizei gemeinsam zu klären. „Machen sie doch“, brüllte dieses freche Aas mir entgegen „die wird sich totlachen!“ Ich dachte ernsthaft darüber nach die Polizei zu rufen, nur um mit ihm noch eine halbe Stunde hier zu stehen und seinen Blutdruck in die Höhe zu treiben. Mein Blutdruck hatte hingegen seinen Siedepunkt schon erreicht und noch mehr Ärger konnte ich wirklich nicht gebrauchen. Oberflächlich betrachtet konnte ich keinen Schaden an meinem Auto erkennen und beschloss einfach weiterzugehen, bevor der Typ mich anspringt. Das einzige was ihn offensichtlich davon abhielt war der nur 2cm große Durchgang zwischen meinem und seinem Auto. Dieser Hänfling hatte mit seinen 1,50m Körpergröße und seinem Hawaiihemd bestimmt schon genug Komplexe und vielleicht war das auch der Grund für seinen Kamikaze-Einparkstil, der kann einfach nicht übers Lenkrad sehen. Seine kleine Tochter, die ihr Dasein auf dem Beifahrersitz fristete blieb die ganze Zeit über ruhig, ich nehme an, sie ist an ihren Brüllaffen gewöhnt. Armes Gör. Ich nahm meinen ursprünglichen Plan wieder auf und ging zum Schneider. „Hallo, wir kennen uns ja bereits, ich habe vor ein paar Tagen meine Hose bei ihnen abgeholt und festgestellt, dass die Hosenbeine unterschiedlich lang sind.“ Nachdem er sich mit einem Maßband auch davon überzeugt hatte, sagte er zu mir: „Einen Moment, ich hole den Kollegen, der die Hose abgesteckt hat.“ Und das was dann kam war wirklich der Brüller schlechthin. Der Dicke kam, sah und meinte vom Fleck weg: „Das müssen sie mir sagen wenn sie unterschiedlich lange Beine haben!“ Unerhört! „Ich habe keine unterschiedlich langen Beine und die hatte ich auch vor ein paar Tagen nicht als sie die Hose absteckten!“ „Na ja, manchmal wissen die Leute nicht...“ „Hören sie mal,“ ich begab mich in eine humpelnde Position, „bin ich etwa so bei ihnen angekommen?! Jetzt hören sie bloß mit ihren Ausreden auf!“ „Kann auch sein, dass der Hersteller das so geliefert hat...“ entgegnete er. „Ok, stop! Es reicht. Wir brauchen hier gar nicht weiter zu diskutieren. Machen sie einfach die Hose so wie sie sein soll.“ „Sag ich doch, ganz einfach.“ Der Dicke war nicht nur dreist und unfähig, er war auch dumm. Er wollte mir erklären, wie diese 3 cm Unterschied zustande kämen und fing mit den Doppelnähten an (blablabla), steckte das lange Hosenbein ab und ich musste jetzt wirklich anfangen zu lachen: „Das ist ja schon wieder schief, und da sagen sie sie müssen nichts abmessen, sie nehmen mit den Augen maß?!“ „Nein, sie verstehen mich nicht...“ „Bin ja auch kein Schneider, mir reicht zu sehen, dass ich in der Hose aussehe wie ein Idiot, weil sie die Hosenbeine unterschiedlich lang gekürzt haben!“ unterbrach ich ihn. „Sie dürfen nicht auf die Seiten gucken, oder auf vorne. Vergessen sie einfach, dass das jetzt schief ist, nur das Maß hinten zählt.“ Daraufhin musste ich wieder lachen und sparte mir jedwede Diskussion. Ich sagte: „Ok, machen sie die Hose. Ist sie wieder unterschiedlich lang, bezahlen sie sie.“ „Ok, kein Problem“ antwortete er und konnte es sich scheinbar nicht nehmen lassen zu erwähnen, dass sie das hier schon acht Jahre lang machen und auch Armani Hosen kürzen. Oh Gott, dachte ich bei mir, die armen Besitzer, kriegen ihre Armani Hosen wahrscheinlich als Shorts wieder, weil der Dicke einfach nicht grade schneiden kann... Ich sag einfach nur: „In die Fresse“. Genau so ein T-Shirt werde ich mir drucken lassen. Ein „In-die-Fresse“ T-Shirt. Dann deute ich bloß noch auf mein T-Shirt und laufe fröhlich weiter. Nach diesem Tag brauchte ich erstmal einen starken Milchkaffee und ein Sahnetörtchen. Beides nahm ich mit in einen „Ich-bedrucke-mein-T-Shirt-Laden“ und schritt sogleich zur Tat!
Text: MF Essbares Kunstwerk: Lanca |