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Anonymität in der Großstadt PDF
Geschrieben von MF   

Meine lieben Nachbarn

Müsste ich all meine Wohnungswechsel aufschreiben, würde ein Din A4 Blatt nicht ausreichen. Doch nun bin ich vorübergehend sesshaft geworden und wohne seit 1,5 Jahren an einem Ort, in einer Wohnung. Eine lange Zeit, für mich.

 
Herr Bukowski, der Porn-Star

Es ist schon ein paar Monate her, da klingelte ein Postbote bei mir und fragte, ob ich für Herrn (er musste auf seinen Zettel schauen) Bukowski ein Paket annehmen könne. „Wer ist Herr Bukowski?“ fragte ich völlig verdattert und er antwortete knapp: „Ihr Nachbar.“ „Mein Nachbar?“ wiederholte ich ungläubig, „wo wohnt der denn?“ „Na, (er drehte sich einmal herum und deutete auf die Tür gegenüber) hier!“ „Aha...hmm...kenn ich nicht. Aber gut, dann geben sie mal her. Muss ich irgendwo unterschreiben?“ Er zog ein Gerät aus der Tasche, gab mir einen Special-Stift ohne Mine mit dem ich auf einem leeren, durchsichtigen Feld „ins blaue hinein“ unterschreiben sollte. Dank der Technik wurde durch den Druck des Stiftes meine Unterschrift sichtbar. Es sah jedoch eher wie der Versuch eines Kleinkindes aus, seinen Namen zu schreiben. Da wird es im Laufe der Jahre sicherlich einige Modifizierungen der Geräte geben, oder gleich die biometrische Erkennung meines Fingerabdruckes, dafür müsste ich dann nicht mal mehr schreiben können. Vorbei mit dem bedrückenden Leben eines Analphabeten, der sich immer neue Tricks einfallen lassen muss, um durchs Leben zu kommen. „Entschuldigen Sie, ich habe meine Brille vergessen, könnten Sie mir kurz vorlesen was dort steht?!“ Bauern, die auch heute noch in manchen Ländern Verträge mit drei Kreuzen unterschreiben, oder ihre Daumen auf ein Stempelkissen drücken um zu unterzeichnen, gehen mir durch den Kopf. „Danke“, sagte der Postbote und drückte mir das Paket in die Hand. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich morgen in den Urlaub fahre. Was mache ich mit diesem dämlichen Paket wenn Herr Bukowski heute aus irgendeinem Grund nicht nach Hause kommt? Was weiß ich, ob der eine Freundin hat, oder regelmäßig allein zu Hause sitzt? So ein mist, dann habe ich auch noch Rennereien, muss bei anderen mir völlig fremden Nachbarn klingeln, denen das Paket in die Hände drücken und einen Zettel in Herrn Bukowskis Briefkasten werfen, wo sich das Paket nun befindet. Ich stand da und verfluchte dieses Paket. Ich bin doch hier ganz klar überrumpelt worden von einem Postboten, der das Ding auch bloß loswerden wollte!
Ich konnte nur noch über das Paket nachdenken, anstatt meine Sachen zu packen, und die Probleme, die mir dadurch nun entstehen würden. Doch meine negativen Gedanken sollten diesmal keine Bestätigung finden. Es klingelte schon am frühen Abend und Herr Bukowski stand vor meiner Tür. Bevor ich meine Erleichterung kund tun konnte, sagte er: „Es wurde ein Paket für mich abgegeben?“ „Ja, richtig“, erwiderte ich fröhlich, während ich ihm das Paket reichte: „Ich bin froh, dass wir uns sehen, denn ich fahre morgen in den Urlaub...“ Ich sah seinem Gesicht an, das ihn das nicht im Geringsten interessierte und er auch gar keine Lust zu haben schien, ein Wort mit mir zu wechseln. Er schloss nebenbei schon seine Haustür auf, erwiderte nur „hmmhmm“ und ich wünschte ihm noch schnell Frohe Ostern bevor er gänzlich in seiner Wohnung verschwand und sein Schatten mir gerade noch zurufen konnte „für Sie auch.“ Also was war das denn? Fluchtverhalten habe ich noch nie bei jemandem ausgelöst (zumindest nicht in dieser Form). Für Herrn Bukowski werde ich nie wieder Pakete annehmen!
Ich glaube Herr Bukowski dreht Pornos. Seine Schreie, oder die seines Protagonisten, der vor der Kamera ausgepeitscht wurde, erfüllten vor kurzem den ganzen Innenhof. Ich halte nichts von Voyeurismus, aber als ich meine Fenster schloss was es nun mal unübersehbar. Plötzlich rief der Ausgepeitschte „Da drüben guckt jemand!“ Ich war völlig schockiert, schloss schnell die Fenster und dachte: Toll, gerade ich, wo ich mich einen Scheiß darum schere was andere Leute in ihren Wohnungen treiben, stehe fortan als Spanner da! Gleich am nächsten Tag hatte Herr Bukowski zum ersten Mal seit er hier vor einem Jahr eingezogen ist, ein rosafarbenes Laken vor seinem Fenster. Nachdem ich also fälschlicherweise entdeckt worden bin, war sofort Ruhe bei Herrn Bukowski. Während ich in meinem Zimmer hin und her lief und mir Gedanken über meine zugeschriebene Rolle als Spanner machte, dachte ich an die vier Kinder, die im Vorderhaus wohnen und von den für sie undefinierbaren Schreien jetzt bestimmt furchtbare Alpträume haben, oder gleich ein Trauma.
Ich weiß, jetzt kann man mir durchaus die Frage stellen, woher ich weiß, dass vier Kinder im Vorderhaus wohnen, wenn ich bis vor kurzem nicht mal den Namen meines unmittelbaren Nachbarn kannte. Das ist einfach zu erklären: Die Kinder laufen mir einfach öfter über den Weg. Der solariumsgebräunte Porno-King eigentlich auch, aber da wusste ich noch nicht, dass das der ominöse Herr Bukowski ist. Wenn Gesichter plötzlich Namen bekommen... Bukowski klingt eigentlich nach einem Mann um die 45 Jahre, mit Goldkettchen und Pantoffeln, doch das ist der Porno-King keineswegs! Er kann höchstens 25 Jahre alt sein, trägt Styler-Klamotten und zupft sich die Augenbrauen. Neuerdings, ich weiß, ich klinge wie eine Rentnerin, die den ganzen Tag aus dem Fenster starrt und Leute beobachtet, aber ich habe ja schon erklärt, dass das nicht so ist! Es ist jedoch durchaus interessant was man so „nebenbei“ alles mitbekommen kann. Also, neuerdings scheint Herr Bukowski eine (Fick-) Freundin zu haben, denn jetzt erfüllen nicht mehr Schreie, sondern quiekende Laute den Hof. Ich kann bisher nicht recht ausmachen ob er sein Bunny quält, oder ob es „Freuden-Quieker“ sind. Herr Bukowskis Balkon ist genau auf Höhe meines Flures angebracht und reicht auch bis zu meinem ersten Flurfenster. Ich bin froh, dass er sich dort nie aufhält, sonst hätte es schon einige nackte Begegnungen auf Augenhöhe gegeben. Ich kam gerade verpennt aus meinem Bad als direkt vor mir Bunny stand, die Arme in die Höhe riss und quiekte: „Ahhhhh“ Da stand sie nun, an der Reling, auf dem Balkon, eine Magersüchtige, genauso solariums-über-bräunt wie Herr Bukowski mit einem pinkfarbenen Shirt, wasserstoffblonden Haaren und 10cm dicker Schminke im Gesicht. Gleich am Morgen ein Play-Girl zu sehen führte unweigerlich zu Augenkrebs, den ich mir beim Zurückstolpern ins Bad, erst einmal aus den Augen waschen musste.
Herr Bukowski hat es nicht so mit Privatsphäre und Rücksichtnahme. Kennen gelernt habe ich ihn eigentlich durch den „Tag der offenen Türen“, denn Herr Bukowski lässt immer wenn er geht und kommt alle Türen offen. Mit „alle“ meine ich Drei. Die Eingangstür, die Tür zum Hof und die Tür zum Hinterhaus. Und wer bekommt den Anschiss? Ich! Das Glück war anfänglich nicht gerade auf meiner Seite, denn ich lief ständig dem Hausmeister über den Weg. Er fing dann immer an mir Fragen zu stellen, die eigentlich Anschuldigungen waren. Zwei Wochen nach meinem Einzug ist mir der Kragen geplatzt, ich habe ihn angeschnauzt und seitdem schweigt er wie ein Grab wenn ich über den Hof laufe. Recht so! Soll er sich doch an den Porno-King ran machen!

Das junge Paar, immer akkurat

Über Herrn Bukowski und mir wohnt ein junges Pärchen. Sie haben gleich beide Wohnungen gemietet und einen separaten Eingang. Ich weiß nichts über sie, sie können gerade so ihren Mund bewegen um sich einen Gruß rauszuquetschen, aber das ist auch das Äußerste der Gefühle. Durch ihren separaten Eingang ist mir im Brandfall die Flucht auf das Dach versperrt. Mir bliebe nur durch den brennenden Hof zu jagen, oder wie ein Affe im Käfig jämmerlich zu verrecken. Denkmalschutz des Hauses JA, Brandschutz NEIN.

Die Nachbarn im Vorderhaus, Ober-Klasse!

Wie gesagt, da springen irgendwie vier Kinder herum, die müssen ja zu irgendwem gehören, einen Hund gibt´s da noch... Wobei, nein, der muss tot sein, jetzt hüpft da nämlich ein Welpe herum. Die Fluktuation muss dort recht hoch sein, denn es stehen immer neue Namen am Klingelschild. Und wer übernimmt die Kinder? Sind die Kinder in der Miete und den Nebenkosten inbegriffen? Eine interessante Geschäftsidee: „Mieten sie sich eine heile Familie in angenehmem Ambiente“.

Herr Sielow, ein Höhlenmensch?

Herr Sielow zog erst vor circa zehn Monaten in die dunkle Erdgeschosswohnung, die meiner Wohnung schräg gegenüber liegt. Der Innenhof ist eher sowas wie ein Schornsteinschacht und Licht fällt nur hinein, wenn die Sonne grad mal Lust dazu hat. Umso unverständlicher war es, dass Herr Sielow die Dunkelheit seiner Wohnung noch unterstützte indem er fast ein halbes Jahr lang, weiße Laken vor den Fenstern hatte, die auch tagsüber nie abgenommen wurden. Auf der anderen Seite war es auch verständlich, denn seine bodentiefen Fenster, die auf eine kleine Terrasse führen, lassen jeden ungehindert in die ganze Wohnung schauen. Vielleicht war Herr Sielow, Anfang Zwanzig, ein Grufti, wie man so schön sagt, ein Höhlenmensch, der die Dunkelheit liebt. Oft besuchen ihn Freunde, viele von ihnen verkleiden sich und ich finde das immer sehr lustig, wie an Halloween. Mit Herrn Sielow kam Leben in Haus und Hof, ehrlich wahr! Und obwohl ich ihn erst vor ein paar Wochen persönlich kennen lernte, muss ich sagen, dass er der sympathischste Nachbar hier ist. Ein Nachtschwärmer, wie ich. Sein Licht brennt noch, auch wenn ich spät nach Hause komme und in jeder anderen Wohnung schon die Nacht mich angähnt. Ein kostenloser Willkommensgruß und ein kostenloser Gute Nacht Gruß wenn ich um zwei oder drei Uhr ins Bett falle.
Vor ein paar Wochen klingelte es an der Tür, meine Hände waren voller Schaum vom Abwasch und ich hatte ein Handtuch auf dem Kopf. Es war spät also fragte ich erstmal durch die Tür hindurch wer dort sei. „Hallo, hier ist Herr Sielow...“ kam es zurück. „Einen kleinen Moment bitte“, rief ich und schloss die Tür auf. „Mir ist was ganz Dummes passiert...“ begann er und als ich ihn da so in kurzer Hose und Sandalen stehen sah, beendete ich seinen Satz „sie haben sich ausgeschlossen und wollen telefonieren. Richtig?“ „Das wäre total toll, das ist mir so unangenehm.“ „Ach was, kommen sie rein, oder wollen sie in der Kälte draußen auf ihren Schlüsselboten warten?“ Nachdem er jemanden angerufen hatte saßen wir an meinem großen Esstisch und waren ganz vertieft in unser Gespräch als der Schlüsselbote kam. Schade, ich hätte mich die ganze Nacht unterhalten können. Er verabschiedete sich und ich tauchte meine Hände wieder ins Abwaschwasser. Nach einer Weile klingelte es wieder, es war Herr Sielow, der mir eine Tafel Schokolade überreichte, weil ich „so nett“ gewesen war. Oh, dachte ich mir, das ist aber nett und wir einigten uns auf eine Tasse Kaffee, bei der wir unser Gespräch weiterführen konnten. Die weißen Bettlaken hatte er indes abgenommen und man sah ihn fortan vor dem Computer sitzen, doch das schien ihn nicht zu stören. In den nächsten Wochen kam es zu keinem Kaffeetrinken, aber das hatte ja auch keine Eile, wir wussten ja nun, wo der andere wohnte! Ich flog für sechs Tage nach London, in einer Nacht und Nebel Aktion brach ich auf. Als ich wieder kam, nachts um halb Eins, war der Hof dunkel, ich tastete mich zum Treppenaufgang hinüber. Herr Sielow schläft heut schon? Warum nicht, wer weiß. Am nächsten Tag schlurfte ich um 16 Uhr durch meine Wohnung, gerade aufgestanden, denn London war zwar schön aber anstrengend und zwang mich zu einem Spaziergang an der frischen Luft. Wieder zurück ergriff mich das blanke Entsetzen als ich in den Hof trat: Die Wohnung ist leer! Wie was die Wohnung ist leer? Warum ist denn die Wohnung leer? Wo ist Herr Sielow? Ich war doch nur sechs Tage weg! Was ist passiert? Was ist hier los? Ich stand da und konnte es nicht fassen. Abends saß ich in meinem Bett, der Hof in tiefes Schwarz getaucht und vermisste den Lichtschein, der sonst immer die Umrisse meines Zimmers zeichnete...
Am nächsten Morgen wurde ich vom Rumpeln der Mülltonnen geweckt, die der Hausmeister zu keiner besseren Zeit als um 7 Uhr morgens über den Hof rollen musste. Wie immer. Daran hat sich nichts geändert. Genauso wie der Kirchturm, der mir durch das läuten der Glocken die Uhrzeit verrät, oder die Krankenwagen die mit heulenden Sirenen im nahegelegenen Krankenhaus einfahren, der Hubschrauber, der Kranke schnell befördert, über mein Haus hinweg fliegt und auf dem dafür vorgesehenen Platz landet. Oder der Rosinenbomber, der für einen stattlichen Preis vom Flughafen Tempelhof abhebt und am Wochenende auch über meinem Haus brummend seine Runden fliegt. Alles wie immer.
Herr Sielow fehlt. Dort wo einst Lachen und Licht blühte, klafft nun eine offene Wunde und mir ist, als sei der Organismus "Haus" ein totgeweihter Patient, weil jemand das Herzstück entfernt hat. Herr Sielows Licht hieß mich all die Monate willkommen, führte mich sicher über den unbeleuchteten Hof und wünschte mir eine Gute Nacht wenn ich schlafen ging. Immer wenn Herr Sielows unverwechselbares Lachen durch den Hof hallte, musste ich unwillkürlich in mich hineinlächeln. Jetzt höre ich nur noch Bunny quieken. Der Hof ist schwarz wie die Nacht, die ich nun allein verbringe. Es ist totenstill und unbelebt geworden. Mein Lieblingsnachbar ist ausgezogen und mit ihm das Licht, das Lachen und das Gefühl zu Hause zu sein...    

Text+Foto: MF, August 2008  

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